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July 17 2018

Die neue Formel des Kommunismus

Bei meinem Bemühen eine historisch fundierte Transformationstheorie zu entwickeln musste ich zuletzt einen kleinen Umweg gehen. Nach dem ich das (für mich) geklärt habe, begebe ich mich jetzt wieder auf den Hauptweg. Da zusätzlich zum Konzept der Transpersonalität jetzt auch noch das Konzept der Metapersonalität nötig geworden ist, muss ich also meine Theorie der Geschichte und der Transformation auch entsprechend anpassen.

  1.  Transpersonalität ist eine unvermeidliche Folge von größer werdenden Gesellschaften. Wenn größere Mengen an Menschen nachhaltig koordiniert werden müssen, werden dafür Institutionen benötigt, die sicher stellen, dass es nicht auf eine einzelne Person ankommt, sondern dass im Prinzip jeder austauschbar ist.
  2. Wie ich ja bereits fest gestellt habe, ist ein treibender Faktor in der größten Zeit der Geschichte die Fähigkeit größere Mengen an Menschen zu koordinieren, als die konkurrierenden Gesellschaften. Je transpersonaler eine Gesellschaft ist, umso mehr hat sie also einen Vorteil in diesem evolutionären Prozess.
  3. Tendenziell  und über lange Zeiträume gesehen waren also Gesellschaften umso weniger transpersonal, je länger sie her sind.
  4. Transpersonalität ist ein ermöglichender Faktor für private Aneignung. Ohne institutionelle Verankerung und also auch prinzipieller Austauschbarkeit von Einzelnen, lässt sich der angeeignete Reichtum der Anderen nicht nachhaltig anhäufen.
  5. Im Gegensatz dazu ist Metapersonalität (genauso wie Interpersonalität) eine Eigenschaft von Gesellschaft an sich. Sie kam mit der Menschwerdung in die Welt. Alle Gesellschaften sind metapersonal, sonst wären sie keine.
  6. Mit einem Epochenwechsel wird die Gesellschaft nach einer neuen Elementarform organisiert. Fähigkeiten und Bedürfnisse werden nach einem neuen Muster vermittelt. Das geht einher mit einer Änderung des Verhältnisses zwischen den verschiedenen Beziehungsebenen (inter-, trans- und metapersonal). Abweichend zu meinen älteren Texten, sage ich jetzt also nicht mehr, dass die Elementarform in bestimmten Epochen inter- oder transpersonal ist. Das ist leider doch alles etwas komplizierter. Dennoch gibt es in manchen Epochen eine bestimmende Beziehungsebene und das Verhältnis zwischen den Beziehungsebenen unterscheidet sich. Insbesondere liegt der Unterschied darin, welche Beziehungsebene welche andere unterstützt und stärkt.

Ich werde nun die einzelnen Epochen etwas ausführlicher beschreiben:

Epoche 0: Care und Commons

Wir wissen sehr wenig aus dieser Zeit auch wenn es die größte Zeitspanne der Menschheitsgeschichte umfasst. Die Entstehung der Gesellschaftlichkeit beginnt schon lange vor dem modernen Menschen (homo sapiens) zur Zeit von home erectus. Die ersten menschlichen Kulturen überspannten Kontinente und sogar Spezies. Die Quellenlage ist naturgemäß sehr mäßig, aber folgende Merkmale aller Kulturen in der gesamten Steinzeit, also auch noch lange nach der neolithischen Revolution, sind (so weit ich das von außerhalb der Paläoanthropologie beurteilen kann) weitestgehend Konsens:

  • Es gibt Handel und Austausch auch über größere Entfernungen hinweg.
  • Der Alltag spielte sich in verhältnismäßig kleinen Gruppen ab bis maximal einige Hundert Individuen, vereinzelt auch mehr.
  • Die Menschen lebten direkt von der Umgebung. Zunächst nur als Jäger_innen und Sammler_innen, später auch als Hirt_innen und Bäuer_innen.
  • Es gibt kaum Hinweise auf Schichten, Klassen oder festgelegte Geschlechterrollen. Die Gesellschaften scheinen sehr egalitär gewesen zu sein, es gibt keine Hinweise, dass so etwas wie Eigentum existiert hätte.
  • Es gab durchaus Gewalt zwischen Gruppen, aber wohl eher als seltene Ausbrüche und nicht als Alltäglichkeit.
  • Die Bevölkerungsdichte ist sehr niedrig und dadurch der Eingriff in die Natur minimal, auch wenn das Auftauchen der Menschen schon zu dieser Zeit vermutlich zum Aussterben einiger großer Säugetiere beigetragen hat. Aber das gilt auch für andere Arten und ist noch kein ökologisches Alleinstellungsmerkmal.

Reste dieser Gesellschaften haben sich vermutlich bis heute gehalten. Es gab in allen anderen Epochen vermutlich immer auch Gesellschaften, die immer noch nach der Logik der Epoche 0 funktioniert haben. Es gibt in entlegenen Gegenden auch heute immer noch Jäger_innen und Sammler_innen Gesellschaften und es gibt auch immer noch Matriarchate, die vergleichsweise egalitär Landwirtschaft betreiben. Von diesen heutigen randständigen Gesellschaften auf die historische Situation zurück zu schließen ist aber auch ein bisschen gefährlich, weil sich diese Gesellschaften ja auch in all den tausenden von Jahren geändert haben und sie in der langen Zeit sicherlich auch immer wieder Kontakt hatten.

Das alles passt gut zu einer Gesellschaft, die auf der Elementarform von Care und Commons aufbaut. Man kümmert sich umeinander in der Gruppe und bewirtschaftet die natürlichen Ressourcen gemeinsam und nachhaltig. Es gibt fast keine transpersonalen Institutionen. Beziehungen sind also immer im wesentlichen inter- und metapersonal. Diese beiden Beziehungsebenen stützen sich gegenseitig. Es gibt tradierte Verhaltensweisen, Tabus und animistische Religionen, die den interpersonalen Zusammenhang stützen und es gibt interpersonale Rituale und Regeln, die diese metapersonalen Überlieferungen immer wieder erneuern. Auf eine Formel gebracht: I <=> M, kein T (in dieser und den folgenden Formeln stehen I, M und T für die inter-, trans- und metapersonale Ebene sowie die Pfeile für die stärkenden, stützenden Verhältnisse zwischen den Beziehungsebenen).

Epoche 1: Raub und Loyalität

Schon in der Jungsteinzeit gab es wohl Raubüberfälle. Dadurch konnten vermutlich vorübergehende Akkumulationen von Reichtum stattfinden. Erfolgreiche Räuber konnten sich Loyalität kaufen und so das erste Mal Hierarchien und Eigentum etablieren. Dabei wurde vermutlich je nach Situation auch Handel betrieben. Erste Fernhandelsnetzwerke entstehen. Solche Gesellschaften hat es immer wieder gegeben, später dann vor allem an den weniger fruchtbaren Rändern der landwirtschaftlich organisierten Imperien (z.B. durch Reiternomaden im eurasischen Steppengürtel).

Vermutlich entsteht aus diesen Raubzügen auch das Patriarchat, aber noch in einer rudimentären Form, ohne ausgedehnte Hierarchien von Patriarchen. Der Raub von Frauen und daraus entstehend das Patriarchat ist vielleicht eine der ersten Formen in denen sich Eigentum durchgesetzt hat. Eigentum ist womöglich zuerst das Eigentum an anderen Menschen gewesen, erst dann an Land. (Ok, der Teil ist hochspekulativ, aber für mich plausibel).

Imperien entstanden aus solchen Raubzügen. Oft nur sehr kurzlebig, manchmal dauerhafter, je nach dem wie gut es den Gesellschaften gelang, sich zu transpersonalisieren. Die Elemtarform basiert weiterhin auf interpersonalen Beziehungen. Neu ist jedoch eine Unterstützung durch Transpersonalität und eine Vereinseitigung der Funktion der Metapersonalität. Diese wird jetzt fast ausschließlich zur Rechtfertigung der Herrschaft benutzt. Die neue Formel lautet also: T => I <= M

Epoche 2: Staat und Imperium

In dem Maße in dem es den Räubern gelang sich dauerhaft zu etablieren und gegen konkurrierende Banden durchzusetzen, waren sie genötigt ihre Gesellschaften stärker zu transpersonalisieren und zu verrechtlichen. Die Transpersonalität steht jetzt im Mittelpunkt, die Kontrolle über die Bevölkerung wird territorial. Neue Formel: I => T <= M

Die Kontrolle ist jedoch auch begrenzt. Nur in fruchtbaren Regionen kann die Überschussbevölkerung für Steuereintreiber, Priester, Armee und Bürokratie mit durchgefüttert werden. Nur in territorial zugänglichen Regionen, in denen Reisezeiten gering sind, zum Beispiel entlang der Flüsse oder rund ums Mittelmeer können die Kommandoketten kurz genug gehalten werden, damit das Imperium handlungsfähig bleibt. An den Rändern existieren weiter die Gesellschaften aus den Epochen 0 und 1.

Doch ein Imperium ist in stetiger Gefahr sich zu überdehnen. Und dennoch ist weiterhin in der Konkurrenz der Gesellschaften Größe wichtig für den Erfolg. Dieser Widerspruch führt zu einem Auf und Ab der Imperien über mehrere tausend Jahre hinweg.

Diese Gesellschaften sind ausnahmslos patriarchal, Sklaverei spielt fast immer eine wichtige Rolle. Große Kunst und Architektur zur Prachtentfaltung und Legitimation entsteht. Hier gibt es auch zum ersten Mal ökologische Auswirkungen in globalem Maßstab. Die Rückstände römischer Silberschmelzen lassen sich noch heute im Grönlandeis nachweisen. Ganze Regionen wurden entwaldet und sind es bis heute. Die Handelsnetze sind zum ersten Mal wirklich global (zumindest auf der eurasisch-afrikanischen Landmasse). Luxusgüter werden über tausende von Kilometern in riesigen Mengen gehandelt. Geld spielt zum ersten Mal eine wichtige Rolle.

Das Patriarchat transpersonalisiert sich auch. Es geht jetzt nicht mehr nur um die Herrschaft in der erweiterten Familie sondern nach diesem Muster wird der ganze Staat organisiert, als Hierarchie von Patriarchen. Es entstehen Ämter und Positionen, deren Inhaber zu einem Großteil austauschbar sind und die dennoch Macht und Herrschaft erhalten durch ihre Funktion.

Epoche 3: Kapitalismus und heterosexistische Matrix

Das Auf und ab der Imperien konnte erst durch eine neue Stufe in der Ordnung der Beziehungsebenen beendet werden. Es brauchte eine Logik, die den alten Widerspruch zwischen imperialer Überdehnung und Größenvorteil überwinden konnte. Dies gelang durch eine Metapersonalisierung der Aneignung. Die neue Formel lautet jetzt I => M <= T.

Markt, Konkurrenz, getrennte Produktion und Tausch ermöglichten es jede Größenbegrenzung hinter sich zu lassen. Wenn der Marktpreis die wichtigste Regulationsgröße ist, dann wird die Herrschaft nicht mehr durch einzelne Institutionen ausgeübt. Dadurch werden alle bisherigen Größenbegrenzungen gesprengt. Die Gesellschaft ist zum ersten mal eine Weltgesellschaft, d.h. unsere Beziehungen sind zu einem sehr großen Teil solche zu Menschen auf anderen Kontinenten. Große Teile der Arbeit, die andere für uns verrichten, wird auf anderen Kontinenten geleistet und umgekehrt.

Auch das Patriarchat wandelt sich erneut. Auch hier findet eine Metapersonalisierung statt. Es entstehen essenzialisierte Geschlechterrollen. Die neue Ordnung macht eine Sphärentrennung nötig und diese wird geschlechtlich konnotiert. Alles auf der Welt wird auf einmal in Mann und Frau eingeteilt. Heterosexualität und Homosexualität als Identitäten (im Gegensatz zu einem bloßen Verhalten) entstehen erst jetzt. Das alles sind Bewegungen auf der metapersonalen Ebene.

Inter- und transpersonale Beziehungen sind natürlich auch weiterhin nötig um den Laden am Laufen zu halten, aber sie haben dienende Funktion. Im Zentrum steht die neue metapersonale Logik der Aneignung.

Epoche 5: Kommunismus

Die 4. Epoche hab ich kurz übersprungen, zu der kommen wir gleich. Zunächst können wir festhalten, wie die Beziehungsebenen im Kommunismus (also einer zukünftigen Weltgesellschaft, in der die Entfaltung aller Fähigkeiten und Bedürfnisse möglich wird) zusammen wirken müssen. Zum einen braucht es den alten Zustand aus Epoche 0 wieder. Es muss also wieder eine Wechselbeziehung zwischen Inter- und Metapersonalität eingeführt werden. Keine der beiden Ebenen darf die andere beherrschen. Es muss also wieder gelten M <=> I. Das ist im Kern, das was eine Inklusionslogik ausmacht: Die gesellschaftlichen Strukturen sind so gestaltet, dass sie unsere interpersonalen Beziehungen unterstützen und umgekehrt.

Zusätzlich brauchen wir unter den Bedingungen der Weltgesellschaft aber auch die transpersonalen Beziehungen. Das Internet darf nicht zusammen brechen, nur weil ein Admin mal in Urlaub fährt. Das ist das neue Element gegenüber der Epoche 0. Diese Institutionen dürfen sich aber nicht verselbstständigen. Sie haben untergeordnete Funktion. So viel Transpersonalität wie nötig, aber nicht mehr.

Damit lautet die neue Formel des Kommunismus T => I <=> M <= T.

Die transpersonalen Institutionen sind dafür da eine globale, egalitäre Vermittlung von Bedürfnissen und Fähigkeiten ohne private Aneignung zu organisieren.

Eine kurze Anmerkung zur alten Formel des Kommunismus. Also dem staatsorientierten Reform- oder Revolutionskommunismus. In meiner Sprache der Verhältnisse von Beziehungsebenen besteht der in dem Versuch die neue metapersonale (kapitalistische) Aneignung durch die transpersonal organisierte kommunistische Partei zu zähmen. Damit kann aber prinzipiell nichts anderes erreicht werden als eine Rückkehr zu Stufe 2 und so war ja dann auch die Praxis von China oder der Sowjetunion folgerichtig eine imperialistische und musste deswegen auf lange Sicht notwendig scheitern, weil die Logik der Epoche 2 in einer Konkurrenz mit der Logik der Epoche 3 unterliegen muss. Der alte Widerspruch zwischen Überdehnung und Zwang zur Größe kam wieder zum Tragen.

Epoche 4: Transformation und Keimformen

Das Problem der Transformation ist also das Problem der Überführung des kapitalistischen I => M <= T in das kommunistische T => I <=> M <= T.

Zunächst wieder eine rein formale Betrachtung: Es gibt zwei Änderungen in dieser Formel. Zum einen kommt ein M => I hinzu und zum anderen ein T => I. Wenn wir diese beiden in die kapitalistische Beziehungskonstellation einsetzen, erhalten wir die Formeln für die beiden Keimformen: T => I <=> M und T => I => M <= T. Diese beiden werde ich mir in einem weiteren Artikel noch mal genauer angucken. Auffällig ist auf jeden Fall, dass für den Übergang zum Kommunismus also eine Stärkung der interpersonalen Beziehungen durch die trans- und metapersonalen Beziehungen nötig sein wird. Für mich passt das auch gut zu meiner Intuition, dass es die (trans- und metapersonalen) Verhältnisse sind, die unsere (direkten, interpersonalen) Beziehungen immer wieder zerstören. Noch sind diese formalen Überlegungen natürlich noch nicht ausreichend um die Keimformen dann auch inhaltlich bestimmen zu können. Aber wir sind der Sache wieder einen Schritt näher gekommen.

Ich sage wieder Danke an alle die mir beim Denken geholfen haben durch Widerspruch, Kritik oder Unterstützung. Ich möchte auch nochmal darauf hinweisen, dass diese ganzen Überlegungen mit der Diskussion zum Buch „Kapitalismus Aufheben“ von Stefan und Simon angefangen haben, dass jetzt endlich auch erschienen ist und ich verdanke die Erkenntnis, dass eine neue Art der Beziehungen das zentrale Moment jeden Kommunismus sein muss, dem Buch „Beziehungsweise Revolution“ von Bini.

»Kapitalismus aufheben« — Kapitel 1

Das Buch »Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie neu nachzudenken« von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz ist im VSA-Verlag erschienen und online auf der Website commonism.us verfügbar. Die Kapitel können hier auf keimform.de einzeln diskutiert werden. Hier geht es um das Kapitel 1:

Einleitung

In der Einleitung (PDF) lassen wir emanzipatorische Bewegungen der Vergangenheit Revue passieren und stellen fest, dass ihr Scheitern ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit zurückgelassen hat. Wesentlicher Grund dafür ist aber auch, dass es keine gut begründete, ausformulierte Theorie einer gesellschaftlichen Alternative, keine Utopie mehr gibt. Unser Buch will dem entgegentreten und die Frage beantworten: Wie muss eine befreite Gesellschaft aussehen und wie kann sie entstehen und sich durchsetzen?

In einem zweiten Abschnitt setzen wir uns mit Theorie auseinander. Warum brauchen wir überhaupt Theorie, ist das nicht alles sehr anstrengend? Wäre es nicht einfacher, einen Entwurf einer zukünftigen Gesellschaft einfach runter zu schreiben? Doch jeder Entwurf, jede Überlegung eines Anderen basiert auf einer Theorie:

Unsere alltäglichen Theorien sind so alltäglich geworden, dass sie uns nicht mehr wie Theorien erscheinen. Andere Erklärungen und andere Vorstellungen über die Welt passen da nur sehr bedingt hinein. Doch sie können unsere Sichtweise der Welt neu beleuchten, denn unsere Sichtweise bestimmt unser Handeln, Leben, selbst unser Fühlen. Neue Theorien drängen auf ein Hinterfragen der eigenen Lebenspraxis und Lebensmuster. (S. 20f)

Nehmen wir also »einfach« unsere Alltagstheorien, dann ist die Gefahr groß, eben dieses Alltägliche denkend nicht überschreiten zu können. An dieser Stelle muten wir den Leser*innen einiges zu, denn wir lesen viele bekannte Begriffe und Theorien quer, und an einigen Stellen brechen wir gar mit ihnen, wenn sie uns wie Denkblockaden erscheinen.

In einem dritten Abschnitt kritisieren wir den Kapitalismus. Wir packen die Kritik am Kapitalismus in die Einleitung, weil sie nicht im Zentrum unseres Buches steht. Da gibt es andere und bessere Bücher. Und dennoch wollten wir einige grobe Züge unserer kategorialen Kritik, wie wir sie nennen, formulieren, denn eine kategoriale Utopie, wie wir sie später im Buch entwickeln, setzt eine kategoriale Kritik voraus. Tatsächlich war unser Forschungsprozess nicht so deduktiv »erst Kritik, dann Utopie«, sondern eher ineinander verschlungen, aber in der Darstellung kommt eben erst die Kritik und dann die Aufhebung in Form der Utopie. In der Kritik heben wir die Aspekte – oder eben Kategorien – des kapitalistischen Zusammenhangs heraus, die uns wesentlich erscheinen und auf die die kategoriale Utopie gewissermaßen »antwortet«.

 

July 15 2018

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»Kapitalismus aufheben« — Vorwort

Das Buch »Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie neu nachzudenken« von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz ist im VSA-Verlag erschienen und online auf der Website commonism.us verfügbar. Die Kapitel können hier auf keimform.de einzeln diskutiert werden. Hier geht es um das:

Vorwort

Im Vorwort (PDF) erklären wir, warum wir das Buch geschrieben haben. Das folgende Zitat begründet das vielleicht am besten:

Eine Diskussion über Utopie und Transformation ist kaum noch Teil unserer Praxis. Nach dem Scheitern des Realsozialismus trat nichts Neues an seine Stelle. Es gibt viele spannende emanzipatorische Projekte, doch ihre Verbindung zu einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung ist sehr lose geworden. Dieses Buch versucht einen Raum anzubieten, in welchem wir wieder über das Ziel und den Weg zu einer befreiten Gesellschaft nachdenken und sprechen können. Und zwar jenseits der alten Konzepte von Reform und Revolution, staatlichem Plan und demokratischem Sozialismus – gleichwohl lernend mit ihnen verbunden.

July 14 2018

July 12 2018

Kapitalismus aufheben

Streifzuege 70[Kolumne Immaterial World in der Wiener Zeitschrift Streifzüge]

von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz

Ohne Ziel kein Weg. Ohne Utopie ist die Überwindung des Kapitalismus nicht erforschbar. Der Großteil der emanzipatorischen Bewegungen versucht die Utopie einer befreiten Gesellschaft durch negative Bestimmungen – kein Staat, kein Markt, keine Vergesellschaftung über Arbeit etc. – anzudeuten. Innerhalb der Utopietheorie gibt es zwei Positionen.

Die beschreibende Utopie sieht kein Problem in der Bestimmung der Utopie und skizziert, plausibilisiert, pinselt die utopische Gesellschaft munter aus. Sie wird kritisiert von der zweiten Position des Bilderverbots, welche betont, dass jedes Nachdenken über die Zukunft eine Verlängerung heutiger Vorstellungen ist, und somit Herrschaft, Arbeitswut und Sphärentrennung nur verlängert. Sie verlangt eine Abkehr von der „Utopisterei“ und eine Hinwendung zur reinen Kritik des Bestehenden.

In unserem Buch suchen wir den Ausweg mittels einer dritten Position, der kategorialen Utopie. Hier wird die Utopie nicht ausgepinselt, nicht in ihren Details beschrieben, sondern ihre grundlegenden Dynamiken entwickelt und diskutiert. Eine kategoriale Utopie beschreibt nicht, wie wir konkret re/produzieren oder wohnen werden, sondern versucht zu denken, wie eine Gesellschaft ohne den Zwang zur Arbeit, ohne Eigentum und ohne Staat funktionieren kann.

Eine solche freie Gesellschaft kann nur die Realisierung menschlicher Möglichkeiten sein. Diese Möglichkeiten gilt es zu ergründen. Hierfür benötigen wir eine Theorie von Mensch und Gesellschaft, die diskutiert, geprüft und hinterfragt werden kann. Durch diese explizite Begründung wird die Utopie selbst diskutierbar, und wir können sie wie jede andere Theorie verbessern und weiterentwickeln. Utopie kann mit der kategorialen Utopietheorie zur Wissenschaft, zu einer begründeten Auseinandersetzung werden.

In der gesamten Geschichte entfalteten wir unsere menschlich-gesellschaftliche Potenz bisher nur eingeschränkt. In Exklusionsgesellschaften ist es naheliegend, meine Bedürfnisse auf Kosten der Bedürfnisse anderer zu befriedigen. Für mich ist es subjektiv funktional, den billigeren Käse zu kaufen, aber damit fördere ich Arbeitsverhältnisse, die anderen Menschen und der nicht-menschlichen Natur Schaden zufügen. Für mich ist es naheliegend, andere Menschen direkt oder strukturell-mittelbar auszunutzen, um meine Bedürfnisse besser zu befriedigen.

Diese Exklusionslogik kann nicht einfach ethisch durch individuell anderes Handeln überwunden werden. Wir können sie nur überwinden durch gesellschaftliche Strukturen, in welchen die beste Befriedigung der eigenen Bedürfnisse daran gebunden ist, die Bedürfnisse anderer Personen einzubeziehen. Es ist eine Gesellschaft „in welcher das Glück weder zufällig, noch vom Unglück der anderen gemacht“ (Jochen Schimmang) ist, eine Gesellschaft in welcher es mir besser geht, wenn ich die Bedürfnisse anderer einbeziehe.

Diese commonistische Inklusionsgesellschaft ist die kategoriale Utopietheorie, welche wir in dem Buch „Kapitalismus aufheben“ entwickeln. Und wir fragen, welche gesellschaftlichen Strukturen, welche Vermittlungsformen, welche „Beziehungsweisen“ (Bini Adamczak) diese Inklusionsstrukturen herstellen. Dabei stoßen wir – basierend auf der Commonsforschung – auf zwei Grundlagen: Freiwilligkeit und kollektive Verfügung.

In einer Gesellschaft, welche auf Freiwilligkeit aufbaut, kann ich niemanden dazu zwingen, für mich Erdbeeren anzubauen oder den Müll zu beseitigen. Tätigkeiten müssen so organisiert sein, dass es Menschen wichtig ist und auch Freude bereitet, diese auszuüben. Dies gilt für das Putzen und Kochen in einer WG, wie für die Straßenausbesserung in einem Stadtviertel, wie für die Tätigkeiten am Hochofen in einem Stahlwerk. Freiwilligkeit verlangt von all diesen Strukturen, die Bedürfnisse der Beitragenden zu inkludieren. Leisten sie dies nicht, müssen sie sich verändern oder untergehen.

Kollektive Verfügung verlangt, dass wir unsere gegenseitigen Bedürfnisse bei der Nutzung von Ressourcen und Mitteln einbeziehen. Ich kann nicht einfach das Haus mit dem schönsten Meerblick mittels struktureller Herrschaft – Geld – kaufen, oder mir den Stahl, den sowohl der Schulbau als auch die Käsefabrik braucht, für die Käsefabrik aneignen. Nein, wir müssen unsere Bedürfnisse miteinander in Beziehung setzen und mit begrenzten Mitteln umgehen. Wir müssen auftretende Konflikte austragen – und zwar auf eine Weise, in der es nicht möglich ist, sich auf Kosten anderer durchzusetzen.

Wir können Konflikte nur dann lösen, wenn wir für uns alle eine gute Lösung finden. Auch hier ist es nahegelegt, die Bedürfnisse anderer einzubeziehen, auch hier wirkt die Inklusionslogik. Die gesamte Gesellschaft wird somit durch ein Netz von Inklusionslinien durchzogen, die es für mich subjektiv funktional machen, die Bedürfnisse anderer einzubeziehen, und für andere, die meinigen zu inkludieren. In dieser commonistischen Inklusionsgesellschaft ist tatsächlich „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller“ (Marx/Engels).

Es gibt ein Wechselverhältnis zwischen Utopie und Transformation: Umso klarer wir die Utopie begreifen, desto besser können wir die Transformation bestimmen. Denn die Transformation muss jene Beziehungen und Vermittlungsformen entwickeln, welche die Zielgesellschaft ausmachen. Die freie Gesellschaft fällt nicht vom Himmel, sondern kann nur vor dem gesellschaftlichen Bruch in einer noch unentfalteten, begrenzten Form entwickelt und aufgebaut werden.

Dieser Entwicklungsprozess einer neuen Form der Vergesellschaftung verbindet die zwei zentralen Elemente von Reform und Revolution. Während die Revolution den Bruch ins Zentrum rückt, ist es für die Reform der Prozess. In unserer Aufhebungstheorie beinhaltet der Prozess einen Formbruch. Die Aufhebung muss die befreienden Strukturen der Inklusionsgesellschaft aufbauen und entwickeln. Diese Strukturen können wir in unseren heutigen Organisationsformen auf einer interpersonalen Ebene schon vielfach erkennen. Die entscheidende Frage nun aber ist: Wie werden die Beziehungen der Freiwilligkeit und kollektiven Verfügung zur gesellschaftlich bestimmenden Beziehungsweise?

Das Buch ist „eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken“. Es ist als Druckwerk käuflich und auf der Website commonism.us frei erhältlich.

July 11 2018

insideX

July 10 2018

Ist Kapitalismus ohne Klassen möglich?

Disclaimer: Dieser Text ist ein Diskussionstext. Ich möchte hier nicht eine klare Meinung darstellen und glaube nicht, dass meine Analyse präzise ist, aber ich finde die Frage spannend und der Artikel soll quasi ein Aufschlag zur Diskussion sein.

Wir hatten bei dem letzten Treffen der Commons-Theorie-Gruppe eine Diskussion zu eben dieser Frage. Dieser Text möchte diese Fragen noch einmal explizit stellen und etwas (aber bloß ein bisschen) bearbeiten. Wichtig ist für mich diese Diskussion, weil die Utopie einer Marktwirtschaft ohne Klassen (und ohne andere Exklusionsverhältnisse wie Sexismus, Staatsbürgerschaft, Rassismus, etc.) oft als eine nicht-kapitalistische Zielgesellschaft ohne Verwertungszwang verhandelt wird. Nachdem eine staatliche Plan-Gesellschaft ihr Versprechen im Laufe des 20. Jh. nicht gehalten hat, haben sich selbst kritische Linke immer mehr mit dem Gedanken angefreundet, dass Markt und Tausch auch in einer (zumindest viel) freie(re)n Gesellschaft weiter benötigt sind um Komplexität und globale Arbeitsteilung zu erhalten. Die konsequente Frage ist dann: In welchem Rahmen muss sich Markt und Tausch bewegen um keinen Verwertungszwang zu bilden, oder zumindest um nicht mehr so destruktiv zu wirken. Die Abschaffung von Klassen, als eine der zentralen Linie der Ungerechtigkeit, ist oft Teil dieser Utopien einer Genossenschafts-Marktwirtschaft, eines Marktsozialismus, etc. Dieser Text stellt nun die Frage: Ist nicht auch ein Kapitalismus ohne Klassen denkbar? Und somit: Führt eine Abschaffung der Klassen aus dem Kapitalismus?

Sinnvoll ist es wohl zuerst einmal den Klassenbegriff zu klären. Der Klassenbegriff ist selbst in linken Diskussionen unscharf geworden. Wenn bspw. kritisiert wird, dass sich die Linke mehr um Student*innen als Arbeiter*innen kümmert, wo doch 98% der Student*innen auch lohnarbeiten, hier deutet sich eine stärker sozialwissenschaftliche-weberianische Fassung des Klassenbegriffs an. Klassen wird hier ähnlich zum Schichtbegriff verwendet und bezeichnet eher verschiedene Einkommensklassen, als das was Marx damit meinte. Ich will hier einen ökonomisch-funktionalen Klassenbegriff verwenden. Klassenanalyse ist nicht im Geringsten mein Hauptfokus, aber mit Marx lassen sich zwei zentrale Klassen unterscheiden: Kapitalist*innen und Lohnarbeiter*innen. Zusätzlich gibt es natürlich noch eine Vielzahl von Klassen (?) die z.B. Subsistenzproduktion machen, oder andere die vom Kapitalismus als „unnütz“ produziert werden. Nun zurück zu den zwei oberen. Kapitalist*innen besitzen die Produktionsmittel, sie schöpfen den Mehrwert ab und akkumulieren ihn – ich möchte den Begriff hier noch einmal einengen: Kapitalist*innen müssen nicht lohnarbeiten und haben trotzdem eine individuell ausreichende Verfügung über den gesellschaftlichen Reichtum. Das wirft natürlich die analytische Frage auf, ob jemand die bspw. 1000 Euro im Monat aus Aktienbesitz verdient Kapitalistin ist, aber im Rahmen dieses Textes ist diese Bandbreite glaube ich zuerst mal okay. Passend hierzu sind Lohnarbeiter*innen Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen um eine individuell ausreichende Verfügung über den gesellschaftlichen Reichtum zu erlangen. Auch hier gibt es Riesenunterschiede ob ich von einer Mercedes-Arbeiterin mit 2,500 Euro Nettoeinkommen, sozialer Sicherung, etc. spreche oder von einer prekär beschäftigten Schuhproduzentin in Äthiopien. Speziell privilegierte Arbeiter*innen haben auch (kleinere) Anteile an dem Lebensstil der Kapitalist*innen: Bei genug Erspartem können sie ein Teil ihres Einkommens durch die Verwertung eben jenes Erspartem verdienen. So weit so schwammig, aber mal kucken …

Der Kapitalismus erzeugt Klassen …

Es ist offensichtlich, dass im Kapitalismus diese zwei Klassen existieren und reproduziert werden. Es gibt Menschen, die müssen arbeiten, und Menschen, die von ihrem Erspartem leben können. Nach aller Analyse verfestigen sich diese Gruppen tendenziell und die Ungleichheits-Schere öffnet sich eher als sich zu schließen. Auch wenn wir uns eine fiktive tauschbasierte Gesellschaft vorstellen, in welcher aller am Beginn das gleiche Einkommen haben (wobei ich glaube, dass das nicht möglich ist, da dann Motivationsprobleme entstehen), dann gibt es wohl Menschen, die geschickter sind, mehr sparen, mehr auf Risiko setzen und Glück haben, etc. deren Erspartes immer weiter ansteigt, bis sie irgendwann gar nicht mehr lohnarbeiten müssen. Ich glaube also: Der Kapitalismus produziert Klassen. Seine Logik der Wertverwertung macht es möglich und legt es nahe, dass manche Menschen ihr Vermögen vervielfältigen können und von dem „Laster der Arbeit“ befreit werden. Doch bloß weil die kapitalistische Dynamik Klassenbildung nahelegt, bedeutet dies nicht, dass diese notwendig für den Kapitalismus sind.

… aber er funktioniert auch ohne sie.

Kann es eine Marktwirtschaft/einen Kapitalismus ohne Klassen geben? Sind Klassen notwendig für den Kapitalismus? Kapitalismus benötigt Wertverwertung. Doch muss der Reichtum in privaten Händen strakt konzentriert sein, damit er sich verwerten kann? Nun ja, sicher ist wohl, dass Reichtum sich bündeln muss um effektiv(er) zu produzieren. Bestimmte Investitionen und Produktionszweige verlangen einen sehr hohen Kapitalinput damit überhaupt mal eine Fabrik steht. Das Aufbringen dieses Kapitals muss jedoch nicht privat stattfinden, sondern kann auch kollektiv geschehen. Viele Unternehmen werden von Fonds und andere Finanzinstitutionen besessen, welche vereinzeltes Vermögen bündeln und es verwertungs-orientiert einsetzen. Von der Notwendigkeit der Kapitalkonzentration her, würde ich also nicht sehen, dass eine Klasse, welche nicht lohnarbeiten muss notwendig ist.

Die Tendenz ist natürlich, dass Individuen die Glück haben und viel riskieren zu Kapitalist*innen werden, aber diese Möglichkeit könnte gesetzlich unterbunden werden – bspw. durch eine Reichtumssteuer. Klassen verschwinden nicht einfach von selbst. Ihre Bildung und Reproduktion müsste tatsächlich verhindert werden. Fähig ist dazu höchstwahrscheinlich nur der Staat. Und es existieren Vorstellungen, welche in diese Richtung gehen. Egal ob es nun Liberale sind die „radikale Chancengleicheit“ fordern, oder Sozialist*innen welche Gleichheit verlangen, beide hatten schon die Idee, dass es fairer wäre, wenn Kinder nichts erben würden, sondern mit dem gleichen Vermögens-Grundstock beginnen. Dies soll die Reproduktion von Klassen verhindern. Da dies sich kaum mit Kleinfamilie verträgt gibt es sozialistische Überlegungen durch eine starke Besteuerung des Reichtums auch die Bildung von Milieus, die gar nicht mehr lohnarbeiten müss(t)en, zu unterbinden. Ein klassenloser Kapitalismus wäre wohl durch einen sozialistischen Staat möglich, der niemandem gönnt nicht arbeiten zu müssen. Würde durch diese Maßnahmen die Wertverwertung verhindert?

Relativ sicher, ist dass die Verwertung durch diese Veränderung eingeschränkt wäre. Wenn ich eine Möglichkeit habe Kapital risikoreich und mit hohen Gewinnerwartungen anzulegen, aber der Staat mir bei hohen Gewinn sowieso proportional ganz schön viel wegnimmt und an sich selbst oder an Ärmere ausschüttet, dann ist meine Motivation in ein risikoreiches Hochgewinn-Portfolio zu investieren auf jeden Fall geschmälert. Das bedeutet aber zuerst einmal nur weniger risikoreiche Investitionen und Neugründungen, möglicherweise insgesamt eine weniger schnelle Kapitalakkumulation, aber kein Ende der Wertverwertung.

Ehrlich gesagt fallen mir keine guten Gründe ein, warum ein Kapitalismus ohne Klassen, bzw. ein Kapitalismus der reinen Lohnarbeiter*innenschaft nicht möglich sein sollte, aber ich bin mir recht sicher, dass da einige Leute anderer Meinung sind. Von dem her würde ich den Artikel einfach erweitern wenn spannende Gegenmeinungen kommen.

Zusatz: Gedanken zum Klassenbegriff

Der oben benutzte Klassenbegriff ist enger als der Marx‘sche. Marx bezeichnet ja Personen die ihre Produktionsmittel besitze aber keine/kaum weitere Leute anstellen und ausbeuten (bspw. eine Handwerkerin oder IT-Arbeiterin) nicht als Kapitalist*innen sondern als einfache Warenproduzent*innen oder Kleinbürger*innentum. Das „Projekt Klassenanalyse“ (siehe) fasst dies genauer und sagt, dass Produktionsmittelbesitzende Kapitalist*innen sind, wenn der von ihnen erlangte Mehrwert „so groß wird, dass sie durch Investitionen ihr Kapital vergrößern und zur Kapitalakkumulation übergehen können“ – hierfür seien nach dem Projekt in Deutschland der der 50er und 60er mind. 3,7 Lohnabhängige nötig. Hierbei wird die Zugehörigkeit zu den Kapitalist*innen über Kapitalakkumulationsmöglichkeit bestimmt. Ich haben im obigen Text die Kapitalist*innen nochmal eingegrenzt auf die Personen, die so viel Kapital besitzen und akkumulieren (lassen), dass sie nicht mehr lohnarbeiten müssen. Während die eine Analyse Ausbeutung in den Mittelpunkt rückt: Wer Menschen akkumulierend ausbeutet ist Kapitalistin; ist bei meinem Begriff die Arbeit im Mittelpunkt: Wer soviel durch Akkumulation verdient, dass sie nicht arbeiten muss ist Kapitalistin. Ich bin mir sicher, dass viele andere Menschen viel mehr kluge Gedanken dazu haben. Also los geht’s 😉 .

July 08 2018

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July 06 2018

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July 05 2018

Märkte für reale, aber nicht für „fiktive“ Waren wie Arbeitskraft und Land?

Reale Waren auf einem Marktplatz in Äthiopien (eigenes Foto) (Voriger Artikel: Vorüber­legungen)

Karl Polanyi weist darauf hin, dass es Ware­nmärkte in sehr vielen Gesell­schaf­ten gegeben hat, sich aber erst mit der Ver­brei­tung des Kapi­ta­lismus auch Märkte für fiktive Waren im großen Stil durchgesetzt hätten. Als „fiktive Waren“ bezeichnet er Arbeits­kraft, Boden und Geld, da sie nicht für den Verkauf produziert werden, auch wenn sie im Kapi­ta­lismus wie Waren gehandelt werden (Polanyi 1978, 108). Diese fiktiven Waren sind zu unter­scheiden von echten Waren (Real­waren), die in Betrieben oder von Einzel­produzen­tinnen für den Verkauf produziert werden.

Der Kapitalismus braucht augenscheinlich Märkte für fiktive Waren, während andere Gesellschaften weitgehend ohne diese auskamen. Eine zu untersuchende These ist somit, dass eine Gesellschaft, in der fiktive Waren nicht mehr (oder jedenfalls nicht in erster Linie) auf Märkten erhältlich sind, nicht mehr kapitalistisch wäre, selbst wenn es noch Märkte für Realwaren gäbe.

Ins Auge fällt hierbei, dass Polanyis „fiktive Waren“ mehrere der wesentlichen Produktionsfaktoren – also der für den Produktionsprozesse benötigten Elemente – darstellen. Als wichtigste Produktionsfaktoren (factors of production) nennt der Neoklassiker Gregory Mankiw (2014, 374) „Arbeit, Land und Kapital“ (labor, land, and capital) – ein Trio, das unschwer Polanyis „Arbeitskraft, Boden und Geld“ zugeordnet werden kann. Auf die terminologische Unterscheidung zwischen „Arbeit“ und „Arbeitskraft“ werde ich gegebenenfalls später zurückkommen; Kapital ist Geld, das im Produktionsprozess verwertet (vermehrt) werden soll.

Letzteres entspricht allerdings nicht dem neoklassischen Verständnis, dem zufolge das Geld nur ein „Schleier ist“, der über den realen materiellen Verhältnisse liegt, ohne sie aber in nennenswerter Weise zu verändern oder zu beeinflussen (ebd., 711). Deshalb betrachten die Neoklassiker das Geld, dass in einer Firma steckt und im Produktionsprozess vermehrt werden soll, nicht als Kapital, sondern als theoretisch sozusagen gar nicht existent. Stattdessen verwenden sie diesen Begriff für im Produktionsprozess eingesetzte Gebäude, Maschinen und Geräte – also für Produktionsmittel gemäß der Marx’schen Terminologie.

Bei differenzierterer Betrachtung handelt es sich hier um zwei unterschiedliche Produktionsfaktoren: Es braucht sowohl Kapital oder Kredit – Geld, mit dem Produktionsmittel sowie Vorprodukte gekauft und die Gehälter der Mitarbeiterinnen gezahlt werden, solange der Produktionsprozess noch nicht abgeschlossen ist – als auch Produktionsmittel, die im Produktionsprozess eingesetzt werden. Produktionsmittel sind aber keine fiktiven Waren, sondern selbst Produkte früher Produktionsprozesse, also reale Waren. Wir können die obige These also auch so formulieren, dass eine Gesellschaft nicht mehr kapitalistisch ist,wenn sie keine Märkte für Produktionsfaktoren kennt, die nicht selbst Realwaren sind – also keine Märkte für Arbeitskraft, Boden und Kapital/Kredit, aber ggf. Märkte für Endkundenprodukte und produzierte Produktionsmittel.

Dabei ist freilich auch zu untersuchen, auf welche alternative Weise der Zugang zu den fiktiven Waren (Arbeitskraft, Boden und Kredit) stattdessen erfolgt. Des Weiteren ist zu erörtern, ob solch eine Gesellschaft eine bessere Alternative zum Kapitalismus sein könnte, oder ob eine Aufhebung bloß der fiktiven Warenmärkte nicht womöglich vom Regen in die Traufe führen würde. Letzteres ist zwar zu einem guten Teil eine Geschmackssache, aber auch über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten.

Als mögliche Prinzipien einer besseren Gesellschaft, die nur Realwarenmärkte kennt, würde ich zunächst vorschlagen:

  1. Es gibt keinen Markt für Arbeitskraft als nach dem Gutdünken der Käufer/Mieter einsetzbaren Produktionsfaktor. Die Alternative: Wer für eine Firma arbeitet, ist damit gleichzeitig dazu berechtigt, an allen sie betreffenden Entscheidungen gleichberechtigt mit allen anderen Mitarbeitern teilzunehmen – alle Firmen sind also Kooperativbetriebe.
  2. Boden und Immobilien (fest an den Boden gebundene Realwaren) sind keine frei handelbaren Waren, sondern sie gehören entweder der Allgemeinheit oder denen, die sie nutzen.
  3. Geld als Geld (das gegen Zins verliehen wird) oder als Kapital (das sich vermehren soll) sind keine frei handelbaren Waren (oder höchstens in sehr begrenztem Maße). Allerdings werden Betriebe immer noch Kredite brauchen – sie müssen zunächst Geld ausgeben, um Produktionsmittel und Vorprodukte zu kaufen oder aufzubauen, bevor sie eigene Produkte verkaufen und dadurch Geld verdienen können. Wie das ohne Kapitalmärkte funktionieren kann, wird zu diskutieren sein.

In solch einer Gesellschaft wären alle Mitarbeiterinnen einer Firma gleichberechtigte Teilhaberinnen und nicht bloß weisungsgebundene Untergebene der eigentlichen Bosse. Ohne weitere gesellschaftlichen Mechanismen stünden alle aber immer noch vor dem Problem, eine Firma finden zu müssen, die sie als Mitarbeiter akzeptiert, um das zum Überleben notwendige Geld verdienen zu können. Das könnte dazu führen, dass Menschen, denen das schwer fällt, in der Praxis auf die ihnen theoretisch zustehenden Rechte als gleichberechtigte Teilhaberinnen verzichten. Aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, könnten sie stillschweigend den Anweisungen ihrer Kollegen Folge leisten, statt die Arbeitsverhältnisse gleichberechtigt mitzugestalten. Der offiziell abgeschaffte Unterschied zwischen weisungsbefugtem Management und weisungsgebundenen Angestellten wäre dann durch die Hintertür wiederhergestellt.

Um dieses Risiko abzuwenden, braucht es ein weiteres Prinzip:

  1. Ein Großteil (also mindestens die Hälfte) des Einkommens aller Personen fließt als bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) gleichmäßig an alle, nur der Rest (also maximal die Hälfte) wird durch aktive Marktteilnahme etwa als Mitarbeiter in einer Firma verdient. Dadurch wird der Markt (die aktive Marktteilnahme) wieder vom Zwang zur Möglichkeit, wie er es vor dem Kapitalismus in aller Regel war (vgl. Wood 2002, 76). Das BGE muss dabei nicht unbedingt komplett als Geldbetrag ausgezahlt werden – auch Sachleistungen, die allen in einer bestimmten Region lebenden Menschen zugute kommen können, zählen dazu (z.B. öffentliche Parks, kostenloser Nahverkehr, Rettungsdienste, kostenlose Bildungsangebote). Solche allgemeinen Sachleistungen werde ich im Folgenden als „allgemeine Infrastruktur“ (AIS) bezeichnet.

Die Grenzziehung – mindestens die Hälfte aller Einkommen fließt bedingungslos, nur der Rest kann „verdient“ werden – mag willkürlich erscheinen. Ich denke aber, dass dies ausreichend wäre, um dafür zu sorgen, dass die aktive Marktteilnahme ihren Zwangscharakter verliert – dass also auch diejenigen, die in keiner Firma mitarbeiten, ganz gut leben können, und die Möglichkeit zur Arbeitserpressung („du tust, was wir sagen, sonst!“) entfällt. Sollte sich in der Praxis herausgestellt, dass die bedingungslos fließenden Mittel dafür immer noch zu niedrig sind, müsste ihr Anteil allerdings erhöht werden.

Ein weiterer, noch nicht genannter Produktionsfaktor ist zweifellos das Wissen darum, wie Dinge hergestellt, gepflegt, genutzt und repariert werden können. Um an andere weitergegeben und von anderen interpretiert werden zu können, muss Wissen aufgezeichnet und in die Form von Zeichenartefakten (wie Texte, Software, Musik, Filme, Landkarten) gebraucht werden. Auch Wissen und digital vorliegende Zeichenartefakte haben die Eigenheit, dass sie – wenn überhaupt – nur fiktive Waren werden können, da sie frei mit anderen geteilt werden können, ohne dass die Teilende dadurch etwas verliert. Einen Markt im eigentlichen Sinne – wobei sich x potenzielle Käufer um y Exemplare eines Produkts bemühen, wobei im Normalfall die y meistbietenden Käuferinnen den Zuschlag kriegen (oder unverkäufliche Exemplare übrig bleiben, sofern x < y), kann es für digitale Zeichenartefakte deshalb nicht geben. Zwar können Zeichenartefakte durchaus für den Verkauf produziert und auch verkauft werden, aber eigentlich nur einmal – der erste Käufer kann das gekaufte Exemplar ohne Weiteres mit allen anderen Interessierten teilen, womit er der einzige Käufer bleibt.

Damit digitale Zeichenartefakte nicht nur einmal, sondern immer wieder verkauft werden können, müssen Gesetzgeber deshalb spezielle Monopolregelungen wie das Urheber- und Patentrecht erlassen, die das freie Teilen illegal machen. Eine Gesellschaft ohne Märkte für fiktive Waren wird auf solche Monopolregelungen verzichten und dadurch verhindern, dass Wissen und Zeichenartefakte von frei teil- und nutzbaren Gütern zu fiktiven Waren werden. Dies deckt sich auch mit meiner ethischen Vorüberlegung, wonach der Ausschluss anderer höchstens zur Sicherung der eigenen Gebrauchsrechte gerechtfertigt werden kann – und bei Wissen, das weder exklusiv ist noch sich im Gebrauch verbraucht, deshalb gar nicht.

Daraus ergibt sich freilich kein Zwang zur Veröffentlichung – wenn eine einen Text schreibt, einen Song aufnimmt o.a., kann sie selbst entscheiden, ob sie diesen mit der ganzen Welt, nur mit ausgewählten Freunden oder gar nicht teilt, und die Freunde sollten diesen Wunsch dann auch respektieren. Dasselbe gilt für in einem nichtöffentlichen Kontext entstandene Fotos und Filmaufnahmen, wo neben der Fotografin auch die dargestellten Personen mit einer Veröffentlichung einverstanden sein sollten („Recht am eigenen Bild“). Aber sobald eine Veröffentlichung mit Zustimmung der Urheberinnen und Dargestellten erfolgt ist, haben diese keinen Anspruch mehr darauf, das weitere Schicksal ihres Werkes exklusiv kontrollieren oder für jede Nutzung eine Zahlung einfordern zu können. Als weiteres Prinzip ist somit festzuhalten:

  1. Wissen und Zeichenartefakte können von allen genutzt, geteilt und weiterentwickelt (Veränderung, Remix) werden, sobald sie mit Zustimmung ihrer Urheberinnen und der dargestellten Personen öffentlich geworden sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Zeichenartefakt ein bezahltes Auftragswerk ist oder nicht.

Polanyi spricht davon, dass Märkte in vorkapitalistischen Gesellschaften in den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang „eingebettet“ waren, während sie sich im Kapitalismus verselbstständigt haben und alles andere dominieren. Die diskutierten Prinzipien eröffnen die Perspektive einer postkapitalistischen Gesellschaft, in der die Realwarenmärkte wieder eingebettet sind, statt zu dominieren. Dabei sind freilich viele Fragen zunächst noch offen, etwa:

  • Wie werden sich Kooperativbetriebe organisieren und welche Formen der Kooperation sind zwischen unterschiedlichen Betrieben sowie zwischen Betrieben und Kundinnen möglich und sinnvoll?
  • Wie erfolgt der Zugang zu Boden, Immobilien und Kredit, wenn diese keine Waren mehr sind?
  • Wie können ein bedingungsloses Grundeinkommen und allgemeine Infrastruktureinrichtungen in der genannten beträchtlichen Höhe finanziert werden und braucht es dafür nicht einen Staat, der sich gegenüber der Gesellschaft verselbstständigen und ein problematisches „Eigenleben“ entwickeln könnte?

Wer weitere Fragen hat oder auch Vorschläge zur Lösung dieser und anderer Fragen, kann diese gern in den Kommentaren äußern. Meinen aktuellen Stand an Lösungsideen werde ich in den Folgeartikeln entwickeln. Ich will dabei nicht behaupten, ideale „Patentlösungen“ zu kennen, glaube aber, dass die eröffnete Perspektive einer „eingebetteten Marktgesellschaft“ hinreichend erfolgversprechend ist, um sie weiterzuverfolgen.

Literatur

Mankiw, N. Gregory. 2014. Principles of Economics. 7. Aufl. Stamford, CT: Cengage Learning.

Polanyi, Karl. 1978. The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystem. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Wood, Ellen Meiksins. 2002. The Origin of Capitalism. London: Verso.

July 02 2018

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